Der Verein

Gründung

Synagoge Ratingen

Der Jüdische Kulturverein "Schalom" e.V. wurde am 14. November 2002 in Ratingen gegründet. Insgesamt 28 Personen waren Gründungsmitglieder. Anwesend war auch der damalige Erste Beigeordnete der Stadt Ratingen, Edzard Traumann. Diese Gründung dokumentiert nach fast sieben Jahrzehnten einen Neuanfang jüdischen Lebens in Ratingen. Der Verein wurde am 4. Juni 2003 durch den Ratinger Notar Dr. Thomas Knoche in das Vereinsregister der Stadt Ratingen eingetragen und ist als gemeinnützig anerkannt.

Vorstand

Der Vorstand

Vorsitzender des Vereins ist seit 2002 der pensionierte Bauingenieur Vadym Fridman (rechts), geboren am 30. Juli 1935 in der Ukraine, er wurde 2007 und 2009 wiedergewählt. Sein Stellvertreter ist Grigori Lisnowski (links), geboren am 27. August 1946 in der Ukraine. Schatzmeisterin ist Nadezda Grozyeva Der Vorstand entspricht dem § 26 des BGB.

Ziel und Aufgaben

Mitglieder beim Tanz (Purim 2008)
Mitglieder beim Tanz (Purim 2008)

Ziel des Vereins ist der Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft in Ratingen, Aufhebung der Isolation der jüdischen Einwanderer und ihrer Familienmitglieder sowie Förderung der sprachlichen, sozialen und kulturellen Integration in die deutsche Gesellschaft.

Dieses Ziel soll erreicht werden durch die Organisation von Veranstaltungen mit religiösem oder profanem Hintergrund, durch Sozialarbeit, Sprachkurse und Behördengänge sowie durch Unterstützung der neuen jüdischen Migrant/innen aus Osteuropa.

Ferner will der Verein an die Traditionen der alten Ratinger „Judenschaft“ anknüpfen, die nachweislich vom Ende des 16. Jahrhunderts bis zum Nationalsozialismus bestand und seit 1853 eine Filialgemeinde der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf war. Auch heute noch steht der Jüdische Kulturverein Schalom in enger freundschaftlicher Kooperation mit der Düsseldorfer Gemeinde; die Ratinger Juden besuchen die Synagoge an der Zietenstraße in Düsseldorf-Derendorf, Verstorbene werden auf dem Israelitischen Friedhof an der Ulmenstraße (Nordfriedhof) beigesetzt.

Mitgliedschaft

Mitglied des Vereins kann jede volljährige Person werden, die einen entsprechenden Aufnahmeantrag stellt und die Vereinssatzung akzeptiert. Über den Aufnahmeantrag entscheidet der Vorstand.

Die Mitglieder

Fridman
Vadym Fridman auf dem alten jüdischen Friedhof, der von 1783 bis 1938 genutzt wurde.

Im Jahr 2010 zählt der jüdische Kulturverein rund 110 Mitglieder, etwa 200 Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion leben mittlerweile in der Stadt Ratingen. Die als „Kontingentflüchtlinge“ bezeichneten Migranten stammen überwiegend aus der Ukraine oder aus Russland; sie kamen nach 1990/91 in die Bundesrepublik Deutschland. Viele Mitglieder waren sich bei ihrer Ankunft in Ratingen ihrer jüdischen Wurzeln kaum noch bewusst, da in der Sowjetunion die aktive Ausübung der jüdischen Religion massiv erschwert war. Der Zusammenschluss des Vereins ermöglicht es ihnen heute, jüdische Traditionen wieder zu beleben und an den Glauben der Vorfahren anzuknüpfen.

(siehe auch: Kontingentflüchtlinge)

Unterstützung

Pakusch
Mitarbeiter des Ratinger Sozialamtes beraten die Mitglieder.

Der Jüdische Kulturverein zeigt sich sehr dankbar darüber, dass er von zahlreichen Stellen und Institutionen maßgeblich unterstützt wird, beispielsweise von der Stadt Ratingen, der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, dem Caritasverband des Kreises Mettmann, dem Amt für Integration, den katholischen, evangelischen und moslemischen Glaubensgemeinschaften, dem Europäischen Flüchtlingsfond und vielen weiteren. Der Verein hat seit seiner Gründung viele Freunde, Förderer und Unterstützer gewinnen können, die hier nicht alle genannt werden. Ihnen allen gilt unser großer Dank.

Religion und Toleranz, Dialog und Kennenlernen

Korzonnek
Sommerfest 2005 in Ratingen.

Der Jüdische Kulturverein steht für aktive Versöhnung und Toleranz unter den Religionen. Daher arbeiten wir eng mit den christlichen Kirchen sowie der islamischen Gemeinschaft in unserer Stadt zusammen. Wir wollen Brücken bauen und mit anderen Religionen in einen friedlichen Dialog eintreten. Zu unseren Festen im jüdischen Jahreslauf laden wir daher traditionell Vertreter der Stadtverwaltung, der Bürgerschaft, der Kirchen, Verbände und religiösen Gruppen ein, um gemeinsam zu feiern, Berührungsängste abzubauen und voneinander zu lernen.

Das Caritas-Projekt 2003/2004

Projekt: „Aufbau eines jüdischen Kulturvereins in der Stadt Ratingen“
Projektzeitraum: 01. Mai 2003 bis 30. April 2004


Entstanden ist der konkrete Bedarf für dieses Projekt aus einem vorausgegangenen Projekt mit dem Titel „Integration und Verständigung – Neues jüdisches Leben im Kreis Mettmann“. Im Rahmen jenes Projektes entstanden mehrere Initiativgruppen von Kontingentflüchtlingen in verschiedenen Städten des Kreises. Insbesondere in der Stadt Ratingen sammelte sich eine größere Gruppe, die schon konkrete Vorstellungen von Ziel und Inhalt ihrer Initiative hatte: Sie wollten einen jüdischen Kulturverein gründen und baten dabei den Caritasverband um Unterstützung. Da es sich bei dieser Gruppe ausschließlich um Sozialhilfeempfänger bzw. Menschen mit geringem Einkommen handelte, war es zu diesem Zeitpunkt ohne öffentliche Unterstützung nicht möglich, einen Verein zu gründen, aufzubauen bzw. materiell auszustatten. Auch war absehbar, dass professionelle Beratung über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr erforderlich sein würde, um dem Verein zu einer stabilen Struktur und zu einem festen Platz im Gemeinwesen der Stadt Ratingen zu verhelfen.

Da es sich bei dem Wunsch der meist älteren Zuwanderer (und deshalb auch am meisten von Isolation Betroffenen) nach einem Treffpunkt vor Ort zur Pflege der jüdischen Kultur handelte, war hier der Kontakt und die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf von Anfang an sehr wichtig. Das Projekt zielte darauf ab, mit Hilfe der Bildung einer stabilen Gruppenstruktur in Form eines jüdischen Kulturvereins die kulturelle Identität der jüdischen Zuwanderer sowie ihre Eigenständigkeit zu fördern. Ebenfalls sollte das gegenseitige Verständnis zwischen einheimischen und zugereisten Menschen im Stadtteil Ratingen-West und darüber hinaus in der Stadt Ratingen gefördert werden.</p>

Projektverlauf: Zum Zeitpunkt der Projektbeantragung wurden ca. 40 Kontingentflüchtlinge bei der Planung zum Aufbau eines jüdischen Kulturvereins unterstützt. Zu Beginn des Projektes im Mai 2003 gab es schon 60 Vereinsmitglieder. Inzwischen ist die Zahl der Vereinsmitglieder auf 74 gestiegen, zumeist im Alter zwischen 50-70 Jahre.

Die Vielzahl der durchgeführten Aktionen reichte von Bildungsveranstaltungen zu Themen der jüdischen Kultur über das Feiern der jüdischen Feste bis hin zu ausgewählten Kultur-Exkursionen.

Dass der neu gegründete jüdische Kulturverein tatsächlich eine Heimat werden konnte für die meist älteren Mitglieder des Vereins, wird an vielen Stellen deutlich. Grigori Lisnowski, Vorstandsmitglied, sagt dazu: „Man kann nicht einfach von einer Kultur in die andere springen. Man braucht Zwischenstationen, Orientierungspunkte.Der Verein ist so etwas für uns geworden. Viele von uns kannten nur die Kultur ihres meist russischen oder ukrainischen Herkunftslandes, aber nicht die Kultur ihrer jüdischen Nationalität. Bei „Schalom“ haben wir jetzt Gelegenheit, unsere jüdischen Wurzeln zu beschnuppern und uns mit ihnen anzufreunden.“ Boris Domaschevski beschreibt seine Erfahrungen so: „ Wir können uns kein Leben mehr ohne den Verein vorstellen. Er ist für uns zu einer Familie geworden. Wenn zum Beispiel einer bei einer Behörde sich nicht gut verständlich machen kann, ruft er im Verein an. Meist findet er jemand, der ihm weiterhilft. Früher war fast jeder auf sich allein gestellt. Das ist jetzt anders.

Und auch Vadym Fridman, Vorsitzender des Vereins, ist stolz darauf, dass in so kurzer Zeit so gute Kontakte entstanden sind, auch über die Stadtgrenze Ratingens hinaus: "Wir bekommen immer häufiger Besuch von Kontingentflüchtlingen aus anderen Städten. Auch ihnen fällt auf, dass wir uns als Gruppe zusammengehörig fühlen. Sie fragen nach und wollen wissen: Wie macht man das, einen Verein zu gründen?"

Projektskizze hier entnommen.

Kontingentflüchtlinge

H I E R geht es zu einer Studie über russisch-jüdische Zuwanderer (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge)

Juden aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion und ihre Familienangehörigen können aufgrund eines Vertrages über Kontingentflüchtlinge einwandern. Der Vertrag stammte aus der Endzeit der DDR und wurde als eine Übereinkunft der Regierung Kohl und des Zentralrates der Juden in Deutschland auf das wiedervereinigte Deutschland ausgeweitet. Sie können nach sieben bis acht Jahren Aufenthalt in Deutschland die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Insgesamt gesehen erhalten also russisch-jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion wesentlich schneller die deutsche Staatsbürgerschaft als andere Ausländer.

Die Zuwanderung von Juden aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion regelte von 1991 bis Ende 2004 das liberale Kontingentflüchtlingsgesetz („Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge“). Das Gesetz entstand am 12. April 1990 auf Bestreben der frei gewählten Volkskammer, welche sich dafür entschuldigen wollte, dass die SED jegliche historische Verantwortung für die Opfer des Holocausts und ihre Nachkommen abgelehnt hatte. Bewilligte Anträge berechtigten zum Bezug einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis in Deutschland, eine Arbeitserlaubnis und Ausbildungsförderung. Als Nachweis genügte eine Geburtsurkunde, derzufolge man Jude ist oder mindestens einen jüdischen Elternteil hat. Die Eheleute des Einreisenden und seine minderjährigen, unverheirateten Kinder dürfen miteinreisen. Grund der um 1990 einsetzenden Wanderungsbewegung waren der in der ehemaligen Sowjetunion zu beobachtende Antisemitismus sowie die desolate ökonomische Lage nach dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion. Das Gesetz wurde nach der Wiedervereinigung übernommen und trat außer Kraft mit der Einführung des Zuwanderungsgesetzes am 1. Januar 2005. Die Innenminister von Bund und Ländern planten ursprünglich schärfere Bestimmungen für die Einreise jüdischer Immigranten. Diese legten sie erst Ende 2004 vor, wogegen der Zentralrat der Juden erfolgreich protestierte. Es wurde neu verhandelt, so daß selbst die die Union progressiver Juden sich zufrieden zeigte. Gefordert wird jedoch eine Integrationsprognose, welche die Berufsabschlüsse, die Chancen auf dem Arbeitsmarkt und das Familienumfeld berücksichtigen. Zusätzlich sind Grundkenntnisse der deutschen Sprache erforderlich.

Die Einwanderung sowjetischer Juden sollte zudem die zahlenmäßig schwachen jüdischen Gemeinden stärken. Gemäß der jüdischen Religionslehre gilt nur als Jude, wer von einer jüdischen Mutter abstammt oder nach den einschlägigen Regeln eines orthodoxen Rabbinatsgerichts zum Judentum übergetreten ist. Ausgenommen sind von dieser Regel Opfer nationalsozialistischer Verfolgung. Deshalb erkannten viele jüdische Gemeinden die Neuzugänge nicht als Mitglieder an. Zudem zeigte sich die Sprachbarriere als großes Hindernis. Da in der atheistischen Sowjetunion jegliche Religionsausübung verboten war, wissen auch die Wenigsten der Einwanderer um die Traditionen ihrer jüdischen Vergangenheit. Die Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden stieg von knapp 30.000 (1990) auf über 105.000 im Jahr 2004. Etwa 95.000 von ihnen entstammen den Ländern der GUS und dem Baltikum. Seit 1989 sind rund 190 000 jüdische Kontingentflüchtlinge nach Deutschland gekommen. 80.000 von ihnen konnten in die jüdischen Gemeinden Deutschlands integriert werden. Eine der Hauptaufgaben des Zentralrats der Juden in Deutschland ist die Integration von jüdischen Zuwanderern aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in die jüdischen Gemeinden. Zu einen schafft der Zentralrat die Grundvoraussetzungen für die Integration, indem er den Zuwanderern in den jüdischen Gemeinden zahlreiche Sprachkurse anbietet. Zum anderen sorgt der Zentralrat dafür, dass die Menschen an ihre jüdischen Wurzeln und ihren jüdischen Glauben, den sie in ihren Heimatländern jahrzehntelang nicht ausleben konnten, herangeführt werden und vermittelt ihnen mit Hilfe von geschultem Personal oder Rabbinern jüdische Riten und Gebräuche sowie jüdisches Wissen. Nur so wird es gelingen, die Zuwanderer, die bereit sind, Aufgaben und Pflichten zu übernehmen, in die jüdischen Gemeinden einzubinden und sie am Gemeindeleben teilhaben zu lassen. Eine schwierige Aufgabe, der sich der Zentralrat in den kommenden Jahren weiterhin mit Nachdruck stellen muss. Die Jüdischen Gemeinden in Deutschland haben eute 104.000 Mitglieder.