Tradition und Geschichte der Ratinger Juden

Bereits vor über 400 Jahren sind Juden in Ratingen zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden. Die folgende Zeittafel gibt einen Eindruck von der langen Geschichte und Tradition der Juden in der niederbergischen Stadt Ratingen. Wer sich eingehender mit der jüdischen Geschichte im Rheinland beschäftigen möchte, dem sei die Rubrik „Literaturhinweise“ empfohlen. Zur Geschichte der Düsseldorfer Juden siehe auch den entsprechenden Eintrag in der Enzyklopädie Wikipedia.

1592 In der Stadt Ratingen werden erstmalig Juden in einem Ratsprotokoll erwähnt: Sie sollen keine Wache an der Stadtmauer halten.
1722 Im Herzogtum Berg müssen alle Juden seit dem 17. Jahrhundert einen „Schutzbrief“ besitzen, um ansässig zu sein. Im August werden die Ratinger Juden auf ihre Geleitsbriefe hin untersucht.
ca. 1769 Der erste Betraum der jüdischen Gemeinde auf der Lintorfer Straße wird eingerichtet.
1779 Betteljuden in Ratingen werden beschuldigt, für die Verbreitung einer ansteckenden Krankheit (Typhus?) verantwortlich zu sein. Im Juni stellt Kurfürst Karl Theodor den letzten Schutzbrief für die bergischen Juden aus.
1783 Erste Erwähnung eines jüdischen Friedhofes. Zwei weitere Friedhöfe in Stadtnähe entstehen im 19. Jahrhundert: am Görscheider Weg (heute: Stadtgebiet Heiligenhaus) und am Blomericher Weg (Essen-Kettwig). Im Juni 1783 wird in Ratingen der „Geleitsjud“ Jacob Levi als Bürger der Stadt angenommen und sein Name ins Bürgerbuch eingetragen.
 
Die bereits verlassene Ratinger Synagoge, erbaut um 1817/18 an der Bechemer Straße, etwa um 1940 (Foto: Stadtarchiv Ratingen)
um 1800 Die Juden im Bergischen Land leben vom Vieh-, Klein- oder Hausierhandel, viele haben eine Metzgerei. In den alten Herzogtümern Jülich und Berg leben um 1800 etwa 215 jüdische Familien.
1805 Fremde Juden in der Stadt werden kontrolliert und ihr Aufenthalt verboten.
1808 Am 22. Juli beendet ein Erlass der französischen Verwaltung das Jahrhunderte alte Schutzjuden-System, nach welchem die Juden über Generationen hinweg ihr Aufenthaltsrecht teuer erkaufen mussten.
1809 schreibt der Magistrat der Stadt Ratingen an den Provinzialrath, den Grafen von Spee: „Zufolge der Weisung vom 16ten Juny jüngst sollen wir über die Verhältnisse, in welchen sich die hier wohnenden Juden in Rücksicht des bürgerlichen Standes, handels gewerbes etc. befinden, berichtliche Auskunft mit zusetzlichen Vorschlägen zur Gleichstellung der Juden mit den übrigen Staatsbürgern ertheilen. Wir verhalten demnach hiermit, daß die hiesigen Juden so, wie überall in dem Herzogtum Berg, bisher immer eine eigene Menschen Classe gebildet haben, und daß dieselben des Rechts, unbewegliches Eigentum zu erwerben, oder sich in die hiesigen privilegirten Zünfte aufnehmen zu laßen, nicht fähig gewesen, in Ausübung des handels und sonstigen Gewerbes aber gleiche Rechte mit den Bürgern genossen haben, ja sogar in Betref der Zinsen von Kapitalien ihnen ein gewisser Vorzug durch das General Edikt [...] verstattet wird, im übrigen aber weder ein Vorrecht bei dem Ankauf gestohlener Sachen, noch sonst bei ihrem handel dahier jemals zugestanden, sodenn in allen Polizei- und sonstigen Vorfällen den Gerichten genug gehalten worden seyen.“
1815 Das Rheinland wird preußisch.
1816 Die 43 Ratinger Juden wollen eine Synagoge errichten. Im Dezember schreibt der Vorsteher David Joseph an den Landrat: „Um also diesen Unannehmlichkeiten und Andachtsstörungen auf immer zu entgehen, und künftig unseren Gottesdienst auf eine feierliche Art ausüben zu können, haben wir einmüthig beschlossen, eine Synagoge zu erbauen, das heißt in so fern uns die hochlöbliche Regierung dazu die gnädigste Erlaubniß ertheilt, in Ratingen den Platz dazu anreißt, und einen kleinen Fond zur Bestreitung eines Theils der Kosten für Erbauung des Tempels anweisen würde; oder nur bewilligen möchte, durch eine Kollekte bey unseren Glaubensgenossen in einigen Städten der hiesigen Provinz, um verhältnißmäßige Summen zu sammeln, damit wir alsdann das übrige aus eigenen Mitteln zur Vollendung des Ganzen beizubringen im Stande wären. Im Vertrauen auf die allgemein anerkannte gütige Regierung haben wir unsere Wünsche befriedigt zu sehen; und bitten demnächst ganz unterthänigst um eine baldige Antwort.“
1817 Die Ratinger Ratsherren und Bürgermeister Gottlieb Zilles sprechen sich einstimmig für den Bau der Synagoge aus; die Grundfläche wird von den Ratinger Juden angekauft.
1817/18 Die Synagoge an der Bechemer Straße wird errichtet.
1838 Der langjährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde Ratingen, David Joseph, stirbt.
1839 In Ratingen unterrichtet der „jüdische Vorsänger Elsaßer“ die Schulkinder.
1843 In der Ratinger Synagoge wird in deutscher Sprache gepredigt.
1845 Der Vorsänger Jacob Bier wird von der Gemeinde für seine Dienste als Kantor und Lehrer bezahlt.
1847 Das preußische „Emanzipationsgesetz“ regelt und vereinheitlicht die Rechtsverhältnisse der preußischen Juden – auch in der Rheinprovinz.
1858
Am 8. Mai genehmigt der Oberpräsident der Rheinprovinz aufgrund des Gesetzes von 1847 die Statuten der neu gegründeten Synagogengemeinde Düsseldorf. Ratingen gehört ihr an und bildet eine Filialgemeinde. In den Düsseldorfer Statuten heißt es: "§ 1. Der Düsseldorfer Synagogenbezirk umfaßt den landräthlichen Kreis gleichen Namens. § 2. Alle innerhalb des § 1 gedachten Synagogenbezirks wohnenden Juden gehören der Synagogengemeinde zu Düsseldorf an und Mitglieder dieser Gemeinde."
1860 In Ratingen leben 103 Juden.
1870/90 Zahlreiche jüdische Familien verlassen Ratingen und siedeln sich in Düsseldorf oder im Ruhrgebiet an.
1884 Die Ratinger Juden engagieren einen eigenen Kultusbeamten, Alfred Aronowsky, für den Schulunterricht und den Dienst in der Synagoge.
1909 Die jüdische Gemeinde wird immer kleiner. In Ratingen gibt es nur noch 14 steuerpflichtige Juden mit ihren Familien.
um 1920/30 Die jüdische Gemeinde wird immer kleiner. Das Mindestaufgebot (minjan) von zehn religionsmündigen Männern für einen Gottesdienst wird in Ratingen nicht mehr erreicht.
 
Der Innenraum der Ratinger Synagoge mit Bima (Vorlesepult) und Thoraschrein im Jahre 1926 (Foto: Stadtarchiv Ratingen)
1930/31 Die Synagoge wird nicht mehr als Gotteshaus genutzt.
1933 Die insgesamt 18 Ratinger Juden werden durch die Nationalsozialisten bedrängt und diskriminiert. Die jüdische Kinderärztin Hilde Bruch verlässt die Stadt.
1936 Für 2.000 Reichsmark kauft die Stadt Ratingen die ungenutzte Synagoge von der Düsseldorfer Gemeinde.
1938 Während der Judenpogrome am 9./10. November wird der jüdische Friedhof von Unbekannten geschändet. Die Synagoge wird von der Stadt auf Abbruch verkauft.
1938/39 Die letzten Juden verlassen Ratingen oder werden in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt. Bekannte jüdische Familien, wie etwa Waller, Levy, Kellermann oder Mosbach, werden zur Emigration gezwungen oder in Ghettos, Sammel- oder Vernichtungslager deportiert.
1939-45 Zweiter Weltkrieg.
1940/45 Die Synagoge wird abgerissen (1940). Am 27. Oktober 1941 geht vom Güterbahnhof Düsseldorf-Derendorf der erste Deportationszug aus dem Regierungsbezirk in das Ghetto Lodz/Litzmannstadt ab. Darunter befinden sich auch Ratinger Juden. 1943 bezieht die Gestapo-Leitstelle Düsseldorf wegen dortiger Bombengefahr das alte Lehrerseminar auf der Mülheimer Straße in Ratingen (heute Stadtarchiv). Am 17. April 1945 wird Ratingen durch amerikanische Truppen befreit.
1946 Enthüllung eines Gedenksteines auf dem alten Friedhof durch britische Militärbehörden. Der katholische Geistliche Karl Mücher sucht die Inschrift aus: „Jubeln werden die gedemütigten Gebeine.“ (Psalm 51,10). Noch in der Nacht wird der Stein von Unbekannten vom Sockel gestemmt.
1959 Seit 1959 erinnert die Stadt jedes Jahr am 9. November der vertriebenen und ermordeten Bürger jüdischen Glaubens. Es werden Lesungen abgehalten und Kränze am jüdischen Ehrenmal niedergelegt.
1972 Der ehemalige Ratinger Jude Alfred Levy besucht aus den USA seine alte Heimatstadt, die er 1936 hatte verlassen müssen.
1996 Der 27. Januar, Tag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz (1945), wird zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Jedes Jahr finden in Ratingen Gedenkveranstaltungen statt.
1997 Ignatz Bubis, sel. A., Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland besucht Ratingen für eine Podiumsdiskussion.
um 2000 Zahlreiche jüdische Einwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kommen nach Ratingen.
2001 Paul Spiegel, sel. A., Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland besucht Ratingen für eine Lesung aus seinem Buch „Wieder zuhause“.
2002 Gründung des Jüdischen Kulturvereins Schalom e.V. am 14. November.
2003 Erstmals finden in Ratingen wieder jüdische Feste in der Öffentlichkeit statt.
2005 Zum Gedenken an die jüdischen Opfer der Naziherrschaft verlegt der Kölner Künstler Günther Demnig „Stolpersteine“ vor den Häusern der Ratinger Juden.
2006 In Ratingen leben wieder etwa 200 Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens, rund die Hälfte davon sind Mitglieder des Kulturvereins. Die Ratinger Juden gehören zur Jüdischen Gemeinde Düsseldorf K.d.ö.R. Die Gemeinde entschließt sich, einmal monatlich einen russischsprachigen Rabbiner zum Schabbat nach Ratingen zu senden. Am 14. November 2007 feiert der Kulturverein sein fünfjähriges Bestehen. Der Vereinssitz ist die Mülheimer Straße 46.
2009 Der Kulturverein unterhält an der Mülheimer Straße eine Bibliothek und ein kleines Museum.